Eine Stadt aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers erleben

Rollstuhlfahrer erkunden Breuberg  Behindertenclub kämpft zusammen mit Kirche und Diakonie für Barrierefreiheit

 

BREUBERG, 4.5.2019: Regenwetter und Stadtbummel mögen nicht besonders gut zusammenpassen. Ein Problem ist die Kombination für viele Menschen jedoch nicht. Für einen Rollstuhlfahrer ergeben sich daraus aber bereits Schwierigkeiten. „Es ist kaum möglich, gleichzeitig einen Schirm zu halten und den Rollstuhl zu bedienen“, erklärt Markus Zwicknagel, als die ersten Regentropfen fallen. Zwicknagel gehört zum Behindertenclub Odenwald e.V., dessen Vorsitzende Elfi Kissinger zu einer Erkundungstour durch die Stadt Breuberg eingeladen hatte. Vor allem Menschen ohne Mobilitätseinschränkungen sollten selbst erleben können, mit welchen Barrieren Rollstuhlfahrer täglich konfrontiert werden.

Während es gegen Regen und andere Wetterereignisse keine Handhabe gibt, können andere Hindernisse durchaus behoben werden. Dazu ist es aber notwendig, diese zu erkennen. Zudem braucht es den politischen Willen zur Veränderung. Die politisch Verantwortlichen in Breuberg haben bereits erkannt, dass es in den fünf Stadtteilen zahlreiche Barrieren gibt. „Das Rathaus in Sandbach ist bereits umgebaut worden, so dass sich Menschen mit Gehbehinderung ohne fremde Hilfe darin bewegen können“, sagt Breubergs Bürgermeister Jörg Springer. Tatsächlich gibt es eine Rampe für Rollstuhlfahrer, Eltern mit Kinderwagen und Menschen, die einen Rollator benötigen. Um das Rathaus über die Rampe erreichen zu können, braucht es allerdings Übung und Erfahrung im Umgang mit dem Rollstuhl. Denn die „Auffahrt“ ist geschwungen und recht steil. Während Markus Zwicknagel die Rampe allein erklimmt, benötigt Reinhold Hoffmann etwas Anschubhilfe.

Der Pfarrer der evangelischen Kirche Rothenberg hat, wie einige andere Teilnehmer der Erkundungstour, in einem Leih-Rollstuhl Platz genommen, um die Stadt aus Sicht eines Rollstuhlfahrers zu erfahren. Mit dem räumlichen Wechsel gehe auch ein Wechsel der Perspektive einher, sagt er. „Vieles, was für Menschen mit Mobilitätseinschränkung zum echten Problem wird, nehmen wir nicht wahr“, sagt er. In sitzender Position und ausgestattet mit vier Rädern und einer Bremse, sei man plötzlich mit einer Reihe von Aufgaben konfrontiert, die nicht immer allein zu lösen seien. „Es ist offensichtlich, dass es den Verantwortlichen der Stadt ein Anliegen ist, einige Schwierigkeiten zu beseitigen“, so Pfarrer Hoffmann.

Auch der Behindertenclub lobte die gelungenen Maßnahmen am und im Rathaus. Darunter die Behinderten-Toilette, die mit einem Euro-Schlüssel rund um die Uhr geöffnet werden kann. „Wir konnten den Rathaus-Umbau recht unproblematisch umsetzen, da das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht“, erläuterte Bürgermeister Jörg Springer, der sich ebenfalls mit dem Rollstuhl durch seine Stadt bewegte. Nur wenige Meter vom Rathaus entfernt mussten die etwa 15 Teilnehmer mit und ohne Rollstuhl den Bürgersteig verlassen und den Weg auf der Straße fortsetzen. Denn ein altes, seit Jahrzehnten unbewohntes Tagelöhnerhaus darf aus Denkmalschutzgründen nicht abgerissen werden, ragt weiterhin in den Straßenraum hinein und zwingt alle Passanten auf die Straße. In solchen Fällen seien städtische Verwaltungen und Kommunalpolitiker machtlos, so der Bürgermeister. „An anderer Stelle können wir aber aktiv werden.“

In allen Breuberger Stadtteilen seien bereits 76 barrierefreie Übergänge im öffentlichen Raum geplant, die noch in diesem Jahr ausgeschrieben werden sollen. Hohe – manchmal zu hohe – Bordsteine sollen abgesenkt und Straßenquerungen somit auch für gehbehinderte Menschen gefahrlos passierbar werden. Es sei nicht immer einfach, bauliche Vorschriften, die Gegebenheiten der historisch gewachsenen Stadt mit alter Gehwegsubstanz und die Interessen und Bedürfnisse aller Bürger in Einklang zu bringen.

„Aber nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, sagte Pfarrer Hoffmann, der mit Jörg Springer, Dieter Scheuermann vom Behindertenclub und Bärbel Simon vom Diakonischen Werk Odenwald im Anschluss die Eindrücke aus der Erkundungstour zusammenfasste.

Aktion Mensch

Info: Die Veranstaltung unter dem Titel „Ausgebremst!?“ ist Teil der Aktionstage der Aktion Mensch, die sich für eine inklusive Gesellschaft stark machen.  Für 25. Mai (Samstag) lädt der Behindertenclub Odenwald zu einer Tour durch Höchst ein. Auch dort ist der Blick auf das Thema Barrierefreiheit gerichtet. Beginn ist um 12.30 Uhr.

Rollstuhlfahrer erkunden Breuberg
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Etwa 15 Teilnehmer waren trotz Regen und Kälte gekommen, um das Breuberger Stadtgebiet mit dem Rollstuhl zu erkunden. Weitere 10 Gäste kamen zur anschließenden Diskussionsrunde in den „Hoaschter Treff“.

 

Breuberg aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers

Markus Zwicknagel (links) half Pfarrer Reinhold Hoffmann über eine der vielen Barrieren, die es in Breuberg für Rollstuhlfahrer noch gibt.