Diakonie – der soziale Dienst der evangelischen Kirchen

Unabhängige Flüchtlingsberatung

Das durch die Deutsche Fernsehlotterie geförderte dreijährige Projekt Unabhängige Flüchtlingsberatung ist zum 30.4.2019 planmäßig ausgelaufen.

Das Diakonische Werk Odenwald bedankt sich herzlich bei der Deutschen Fernsehlotterie, der Mitarbeiterin Silvia Hazin und beim Fachbereich „Flucht, Interkulturelle Arbeit, Migration“ in der Diakonie Hessen.

Zum Abschluss schauen die Leiterin des Diakonischen Werks Bärbel Simon und die Fachberaterin Silvia Hazin auf die geleistete Arbeit zurück:

 

Bärbel Simon: Frau Hazin, am 30. April endet das Projekt der Deutschen Fernsehlotterie, das die unabhängige Flüchtlingsberatung für die letzten drei Jahre finanziert hat. Ich würde gerne heute mit Ihnen auf diese drei Jahre unabhängige Flüchtlingsberatung schauen. Wollen Sie kurz erklären, wozu die Stelle eigentlich eingerichtet wurde?

Silvia Hazin: Die Stelle wurde eingerichtet, nachdem 2015 sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren. Es gab ja damals im Diakonischen Werk Odenwald schon die Unabhängige Flüchtlingsberatung, allerdings in zunächst kleinem Umfang von einer viertel Stelle. Das wurde damals übrigens über private Sponsoren und die EKHN finanziert.  Als mehr Asylbewerber in den Odenwald kamen, wurde die Beratung mit Hilfe der Fernsehlotterie deutlich ausgeweitet. Am Anfang ging es hauptsächlich darum, Menschen die einen Asylantrag eingereicht hatten oder die bereits im Widerspruchsverfahren waren, zu beraten. Im Mittelpunkt stand zunächst die Anhörung im Verfahren. Es ging auch darum, einen geeigneten Anwalt zu finden, um alles was man im Zusammenhang mit so einem komplizierten Asylverfahren wissen muss.

Simon: Welche Themen kamen denn hauptsächlich vor?

Hazin: Es ging zum Beispiel darum, dass die Leute beim Bundesamt ihre Fluchtgründe ehrlich darlegen und genau beschreiben, was mit ihnen passiert ist. Sie mussten verstehen, wie das in einem rechtsstaatlichen Verfahren läuft. Oft mussten sie ja Tabus brechen, zum ersten Mal Unaussprechliches erklären.

In der nächsten Phase ging es dann hauptsächlich um Familiennachzug. Dieser ist für Schutzberechtigte nach der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) möglich, wurde allerdings im Frühjahr 2016 für Flüchtlinge, die einen subsidiären Schutz erhalten hatten, zunächst für zwei Jahre ausgesetzt. Viele Flüchtlinge waren durch diese Gesetzesänderung verzweifelt. Natürlich wollten sie, dass ihre engsten Familienangehörigen so schnell wie möglich den Kriegsgebieten entfliehen und mit ihnen in Sicherheit leben können. Das führte dazu, dass viele Geflüchtete eine Klage einreichten, um den höherwertigen Schutz zu erhalten. Seit August 2018 können nun zwar monatlich 1.000 engste Familienangehörige von subsidiär Schutzberechtigten nachziehen, allerdings ist dieses Verfahren kompliziert.

Simon: Was bedeutet das genau, subsidiärer Schutz?

Hazin: Subsidiäre Schutz bedeutet, dass nicht individuell eine Verfolgung nachgewiesen werden muss, sondern dass anerkannt wird, dass Menschen aus einem Kriegsgebiet geflohen sind. Man gewährt ihnen dann einen Aufenthaltstitel zunächst für ein Jahr, der danach verlängert wird.  Unterscheiden muss man das von der Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nach der GFK. Wird Flüchtlingseigenschaft zuerkannt, dann wurden die Fluchtgründe individuell geprüft und anerkannt, dass jemand verfolgt wird. Nur sehr wenige (kaum mehr als 1 Prozent) erhalten eine Asylberechtigung nach dem Grundgesetz. Das liegt ganz einfach daran, dass dieser Status nur denen zugesprochen wird, die nicht über einen sicheren Drittstaat eingereist sind. Da Deutschland – in der Mitte von Europa – von lauter sicheren Drittstaaten umgeben ist, betrifft dies nur eine ganz kleine Gruppe.

Simon: Habe ich das jetzt richtig verstanden, dass Sie in diesen drei Jahren sozusagen in Wellen immer mit unterschiedlichen Fragestellungen zu tun hatten?

Hazin: Die Beratung in asyl- und aufenthaltsrechtlichen Verfahren ist ja ein Schwerpunkt in der Unabhängigen Flüchtlingsberatung. Der Andere ist die Unterstützung und Beratung bei der sozialen und wirtschaftlichen Integration. Oft kamen Leute mit allgemeinen Problemen mit der Bürokratie, zum Beispiel, wenn sie ihren Pass verlängern mussten. Ein anderer Schwerpunkt war der Übergang von Asylbewerberleistungsgesetz in das Sozialgesetzbuch zwei. Dahinter verbirgt sich Folgendes: Wenn eine Person im Asylverfahren ist, dann bekommt sie Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Wird dann die Flüchtlingseigenschaft anerkannt, dann ist das Job-Center zuständig. Jetzt gelten andere Regeln und die Betroffenen haben andere Rechte und Pflichten.

Fragen rund um Arbeit und Ausbildung waren ein Riesenthema. Am liebsten hätten die Flüchtlinge alle sofort angefangen zu arbeiten. Sie mussten informiert werden über Arbeits-, Ausbildungs- und schulische Möglichkeiten. Und sie mussten verstehen, was wann und unter welchen Voraussetzungen möglich war. Im Moment gibt es einige aktuelle Fälle, wo junge Asylbewerber in Ausbildung sind, aber wegen einer Gesetzteslücke keine Sozialleistungen bekommen. Von der Ausbildungsvergütung können sie aber nicht ihre Miete zahlen.

Simon: Ja, davon habe ich gehört. Hier setzten sich ja viele Ehrenamtliche ein.

Hazin: Genau. Unsere Ehrenamtlichen sind wirklich toll und oft richtige Experten. Die Zusammenarbeit mit ihnen war sehr, sehr wichtig. Die sind oft ganz nah dran und wissen genau Bescheid. Sie fahren manchmal mit den Flüchtlingen nach Gießen zum Interview, das kann ich ja gar nicht machen.

Simon: Wollen Sie noch was zu den Inhalten der Beratung ergänzen?

Hazin: Auch das Thema Gesundheit war schon definitiv in all den Jahren immer ein wichtiges. Am Anfang ging es oft darum überhaupt zu wissen, wie das mit der Gesundheitsversorgung ist. Die Menschen brauchten nicht nur eine Kostenzusicherung für den Arzt, sondern auch eine Adresse und einen Dolmetscher. Ich erinnere mich auch, dass manche Leute heftige körperliche Symptome mitbrachten und unbedingt Spezialisten aufsuchen wollten. Der Arzt hat dann oft posttraumatische Belastungsstörungen diagnostiziert. Erst in der letzten Zeit gab es auch Kontakte mit der psychiatrischen Ambulanz. Da bleibt weiterhin sehr viel zu tun.

Simon: Warum wird ihre unabhängige Flüchtlingsberatung dann reduziert?

Hazin:  Ja die Menschen sind noch da und brauchen auch noch Hilfe. Aber sie sind meist nicht mehr im Asylverfahren und damit nicht mehr in diesem Aufgabengebiet, das von der unabhängigen Flüchtlingsberatung abgedeckt wird. Und das von der Fernsehlotterie bezuschusste Projekt war von vorne herein auf drei Jahre befristet und es läuft jetzt aus. Aber die Betroffenen können jetzt auch zu anderen Stellen gehen. Meine Kollegen Sandra Scheifinger und Aristide Sambou sind spezialisiert auf die Beratung für Menschen mit gesichertem Aufenthalt. Das nennt sich Migrationserstberatung und wird vom Bund gefördert. Für meine Kollegen wird es auf jeden Fall erst einmal eine erhöhte Nachfrage geben. Das lässt sich gar nicht vermeiden.

Simon: Beim Stichwort Kollegen möchte ich noch mal einhaken. Sie haben ja einen Hochschulabschluss in Religionswissenschaften und sie sprechen fließend Arabisch. Ich erinnere mich, dass es im Anforderungsprofil hieß „Hochschulabschluss und Interkulturelle Kompetenz sind erforderlich“.

Hazin: Ja, meine Vorerfahrungen mit Flüchtlingen, mit Muslimen und auch das Studium haben mir sehr geholfen. Aber besonders wichtig war auch unser Fachreferat in der Landesgeschäftsstelle in Frankfurt. Sie haben 2016 ein Schulungsprogramm für Quereinsteiger in der Flüchtlingsberatung entwickelt und uns außerdem immer über Gesetzesänderungen und alle wichtigen Themen auf dem Laufenden gehalten. Wir haben in Frankfurt Spezialisten, die wir jederzeit ansprechen können, beispielsweise in juristischen Fragen. 

Simon: Sie haben sich in den drei Jahren ja wirklich zur Spezialistin für Asylverfahrensrecht entwickelt und ganz sicher sehr viele Menschen in einer entscheidenden Phase in ihrem Leben unterstützt. Herzlichen Dank dafür. Sie wechseln jetzt in die Eingliederungshilfe für Menschen mit seelischer Behinderung. Dabei werden Sie der Zielgruppe „Menschen mit Migrationshintergrund“ treu bleiben. Auch diese Arbeit ist ganz sicher super interessant und ich bin ganz gespannt wie das für Sie werden wird. ich wünsche Ihnen auch da viel Erfolg und Freude am Beraten.

 


 

Das war das Projekt Unabhänige Flüchtlingsberatung (1.5.2016 bis 30.4.2019):

Unterstützung und Beratung für Asylsuchende und Flüchtlinge in

 

– asyl- und aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten.

– Unterstützung bei der Ausbildungs- und Arbeitssuche, zu Beruf und Qualifizierung,

– bei sozialrechtlichen Angelegenheiten, z.B. AsylbLG, SGB II, Bildungs- und Teilhabepaket, BAföG,

– bei der wirtschaftlichen Integration

– Vermittlung an andere adäquate Beratungsangebote,

– Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit.

Die unabhängige Flüchtlingsarbeit unterstützt und berät während des gesamten Asylverfahrens und auch nach rechtskräftiger Ablehnung. . Sie aktiviert Flüchtlinge an der Gesellschaft teilzuhaben und selbstverantwortlich Entscheidungen zu treffen.

Die Arbeit geschieht anwaltschaftlich, unabhängig und ergebnisoffen. Sie orientiert sich an den Bedarfen und Ressourcen der Ratsuchenden.

Die Unabhängige Flüchtlingsberatung wird durch die Deutsche Fernsehlotterie, den EKHN-Flüchtlingsfonds gefördert.

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