Diakonie – der soziale Dienst der evangelischen Kirchen

Dank an die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe

Dank an die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe

Wissen macht stark LogosBericht über ‚Integrieren müssen wir uns alle‘ von Mehrnousch Zaeri-Esfahani

 

„Wissen macht stark“ dankte allen Helfenden mit einem  bewegenden Vortrag über Integration

 

‚Integrieren müssen wir uns alle‘ mit diesem fast provozierenden Titel kam die bekannte Autorin und Erzählerin Mehrnousch Zaeri-Esfahani am 02.10.2020 in die Stadtkirche nach Michelstadt. Eingeladen hatte das Projekt „Wissen macht stark“, das seit sechs Jahren Fortbildungen für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit anbietet und mit diesem Vortrag seinen Abschluss feierte. Frau Bärbel Simon, Leiterin des Diakonischen Werks Odenwald, sprach die einleitenden Worte und gab einen kurzen Überblick über die geleisteten Angebote von „Wissen macht stark“. Vor allem ging aber der Dank an die Ehrenamtlichen im Odenwaldkreis, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Dazu wurde jedem Anwesenden eine kleine Überraschung überreicht.

Simon bedanke sich aber auch bei den Kooperationspartnern im Projekt. Sie berichtete, dass der Odenwaldkreis mit Markus Fabian von der Ehrenamtsagentur von Anfang an aktiv beteiligt war und auch die erforderliche Kofinanzierung übernommen hatte. Weiterhin dankte Sie  dem Pfarrerin Renate Köbler vom Evangelischen Dekanat Odenwald, die als Referentin für Bildung und Ökumene im Projekt mitgewirkt hatte.

Integrieren müssen wir uns alle – oder?

Im anschließenden Vortrag sprach Frau Zaeri Esfahani auf eine ganz besondere Art über das Thema Integration, indem sie die eigene Fluchtgeschichte, ihre Erfahrung mit Geflüchteten als Sozialpädagogin und wissenschaftliche Erkenntnisse mit einer erzählerischen Leichtigkeit verband, die alle Zuhörenden fesselte. Mit erzählerischen Bildern verdeutlichte sie, dass Integration nur dann stattfindet, wenn die neue Kultur in einem angemessenen Tempo in die eigene Herkunftskultur eingebettet wird. Oft wird aber einfach eine Anpassung an die deutsche Kultur gefordert, was aber zu erheblichen psychischen Störungen führen kann.
Übrigens erlebt jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit jedem Lebensabschnitt einen Akkulturationsprozess, zum Beispiel durch Umzug, Heirat, Kinder oder auch durch traumatische Erlebnisse. Mit dem schönen Bild von einer Schatzkiste voller Werte und Erlebnisse aus beiden Kulturen, die einen durch das Leben begleitet, schloss Frau Zaeri-Esfahani ihren Vortrag und bedankte sich bei den sichtlich berührten Zuhörenden.

Über den Vortrag:

„Integration hört sich langweilig an!“, mit diesen Worten begann Frau Zaeri-Eshahani ihren Vortrag und entführte die Zuhörenden dann in das Jahr 1985, in dem die Familie Zaeri-Esfahani aus dem Iran über viele Umwege nach Deutschland flüchtete. Anhand der eigenen Flucht und auch mit Beispielen aus der sozialpädagogischen Arbeit illustrierte sie, was Flucht eigentlich bedeutet und welche Auswirkungen Flucht auf Menschen hat. So verdeutlichte sie, dass alle Geflüchtete eines gemeinsam haben: In ihrem Leben gibt es einen schrecklichen Moment, der Boden wird ihnen unter den Füßen weggezogen und der Mensch will nur noch weg: Er flüchtet. Es ist ein Punkt im Leben eines Menschen, der auf einmal seine Heimat verlassen muss, nicht irgendwo hin, sondern nur weg. Aus diesem Grund, so Frau Zaeri-Esfahani, funktioniert es nicht, Flüchtende mit schrecklichen Unterbringungsmöglichkeiten in Europa abzuschrecken, denn der Flüchtende will einfach nur weg, egal wo hin.

Auch in der eigenen Biografie lernte die Familie Zaeri-Esfahani schreckliche Zustände kennen. Die einst wohlhabende Familie (der Vater Chirurg, die Mutter Krankenschwester), lebte zehn Monate ohne Rechte in Istanbul, die Kinder waren ohne Schule oft als Straßenkinder unterwegs. Durch das ‚Loch in der Mauer‘ kam die Familie dann 1985 über die DDR in die BRD. Mit bewegenden Worten schilderte Frau Zaeri-Esfahani die Dankbarkeit ihrer Familie, als die Familie nach der Unterbringung im Flüchtlingsheim und nach 14 Monaten Flucht schließlich eine Dreizimmerwohnung in Heidelberg zugewiesen bekam und ihr Glück gar nicht fassen konnte. Der Moment der Freude und Dankbarkeit über eine Wohnung, in der die Familie zur Ruhe kommen konnte, mit Betten, Geschirr und Handtüchern, ist fest in der ganzen Familie verankert. Alle Mitglieder der Familie erzählen noch heute von diesem Moment der Dankbarkeit, der alle angespornt hatte, etwas aus dem Leben in Deutschland zu machen.

Im schnellen Tempo lernten alle deutsch, gingen einen deutschen Weg, der Vater ging dabei immer vorweg und spornte alle an. Der Erfolg dauerte nicht lang: Gute Schulabschlüsse, Studium, Berufsausbildung und Partnerschaften mit Deutschen.

Nach 28 Jahren, als Frau Zaeri-Esfahani längst berufstätig, verheiratet mit einem Deutschen und Mutter war, kam ihr Zusammenbruch. Zunächst war der Zusammenbruch unerklärlich, zeigte dann aber, dass Frau Zaeri-Esfahani nach der Flucht die Wertvorstellungen, Sprache und die Geschichte von Deutschland angenommen hatte, aber dabei die Werte, Sprache und Erinnerung ihrer Herkunft vergessen hatte. Sie hatte ihr kulturelle Identität der Herkunft verloren und fiel in ein tiefes Loch. Durch Aufarbeitung und mit professioneller Hilfe konnte Frau Zaeri-Esfahani die kulturelle Identität aus Iran langsam in ihre deutsche Identität zu integrieren. Und erst dann gelang es ihr, sich wieder ganz zu fühlen und ganz in Deutschland anzukommen.

Frau Zaeri-Esfahani bezog sich in ihrem Vortrag auf den Migrationsforscher John Berry, der das Modell der Akkulturation entwickelt hat und beschreibt, was passiert, wenn Menschen verschiedener Kulturen dauerhaft in Kontakt treten. Nimmt die eine Kultur einfach eine neue Kultur an, ist dies keine Integration, sondern nur eine Anpassung (Assimilation), die zu erheblichen psychischen Stress der Migranten führt. Laut Frau Zaeri-Esfahani ist diese Anpassung das, was oft an Stammtischen gefordert wird, wenn von Integration gesprochen wird. Wie wichtig aber ein langsames Integrieren der neuen Kultur in die Herkunftskultur ist, verdeutlichte sie durch ihre eigene Erfahrung und mit Beispielen aus ihrer Arbeit als Sozialpädagogin.

Übrigens erlebt jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit jedem Lebensabschnitt einen Akkulturationsprozess, zum Beispiel durch Umzug, Heirat, Kinder oder auch traumatischen Erlebnissen.

Mit dem schönen Bild von einer Schatzkiste voller Werte und Erlebnisse aus beiden Kulturen, die einen durch das Leben begleitet, schloss Frau Zaeri-Esfahani ihren Vortrag und bedankte sich bei den sichtlich berührten Zuhörenden. Integrieren müssen wir uns eben alle, oder?

(Dr. Christina Meyer)

Das Projekt

„Wissen macht stark“ war ein Projekt zur Unterstützung von freiwillig Engagierten,
die Flüchtlinge/Asylbewerber im Odenwaldkreis willkommen heißen. Es bot von 2014 bis Oktober 2020 Informationsveranstaltungen an und betreibt eine FAQ-Webseite.

Es handelte sich um ein Gemeinschaftsprojekt des Diakonischen Werkes Odenwald, des evangelischen Dekanats Odenwald und der Ehrenamtsagentur des Odenwaldkreises und wurde ermöglicht durch den Flüchtlingsfonds der EKHN und den der Qualifizierungsstelle für ehrenamtliche Arbeit (in der Ehrenamtsagentur & Servicestelle Sport) aus Mitteln des Landes Hessen.

Nachfolgeprojekt geplant

Die Kooperationspartner kündigten an, dass es ein Nachfolgeprojekt geben werde. Dies soll insbesondere Filmabende anbieten und wendet sich an geflüchtet Menschen genau so wie an Menschen, die schon lange im Odenwald leben. Der neue Titel lautet: Wissen macht Stark 2.0

Kontakt und Informationen: https://www.diakonie-odenwald.de/wissen-macht-stark/