Diakonie – der soziale Dienst der evangelischen Kirchen

Soziale Arbeit in der Corona-Krise

Soziale Arbeit in der Corona-Krise

Bärbel Simon bei Videokonferenz mit dem Team des DWODiakonisches Werk Odenwald: Die Krise fordert mehr Bedarf – neue Herausforderungen und absolut kein Stillstand in der Arbeit

 

Michelstadt, Ende Juni 2020: Seit dem 24. März galt der Lockdown in Deutschland, in den vergangenen Wochen mit schrittweisen Lockerungen. Somit steht ein ganzes Volk vor besonderen Herausforderungen. Auch und insbesondere Menschen die in sozialen Bereichen tätig sind. „Alles ist wie immer, nur ein bisschen anders“, so Bärbel Simon, Leiterin des Diakonischen Werks Odenwald (DWO). Das DWO deckt in dem Landkreis mit rund 97.000 Einwohner ein breites Spektrum an sozialen Leistungen in den Bereichen Beratung und Betreuung ab. Das sind: Familienhilfen (Schwangerschaftsberatung, Familien in Krisensituationen), ambulante Betreuung im betreuten Wohnen für seelisch kranke Menschen und Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle, Fachberatungsstelle Demenz, Allgemeine Lebensberatung, Integrationsfachdienst (für Menschen mit Behinderungen in der Arbeitswelt), Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige), Seniorenangebote und Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung sowie Hilfe und Beratung für Menschen mit Fluchterfahrung.

Der Lockdown und seine Folgen beinhalteten, trotz eingeschränktem persönlichen Zugang zum DWO selbst, ein mehr an Herausforderung, Arbeit und Einsatz. „Unser großes Glück war, dass wir bereits vor Corona technisch sehr gut aufgestellt waren, was das mobile Arbeiten anbelangt“, betont Simon. Ein Großteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte schon vorher gelegentlich vom häuslichen Arbeitszimmer aus gearbeitet. Alle Angebote wurden aufrechterhalten, vieles in Telefonberatung, Videokonferenzen und ähnlichem, im Notfall auch in der einzelnen persönlichen Präsenz. Aufgerüstet hat das DWO mit Trennschreiben in den Beratungsräumen sowie weiteren Hygienemaßnahmen. Notfällen steht stets ein Bereitschaftsdienst zur Verfügung.

In einer Videokonferenz berichten sieben Mitarbeiterinnen aus ihrer Arbeit in der „Corona-Zeit“.

Krisenmanagement in jungen Familien

Cornelia Fingerloos aus der Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität weiß, was die schwere Zeit gerade für junge Familien bedeutet. „Es kriselt deutlich mehr“ betont sie. Bei Geburten unter den Maßnahmeregelungen von Corona komme es vermehrt zu postnatalen Krisen.

Viele Familien leben beengt in kleinen Wohnungen, dazu rutschten rund 70 Prozent der Familienväter in Kurzarbeit, keine Schule, kein Kindergarten, oft kein häuslicher Garten, all dies habe zu großen familiären Konflikten geführt. Punktuell musste auch zur Deeskalation eingeschritten werden, berichtet sie. Beispielsweise musste ein Familienvater polizeilich für ein Wochenende aus der Wohnung verbannt werden, um Mutter und Kind zu schützen. In einem anderen Fall wurde eine Frau zum Schutz ins Frauenhaus gebracht.

„Obwohl eine Zeitlang niemand mehr einfach direkt zu uns kommen konnte, ist der Bedarf wie auch der Kontakt zu den Klienten viel intensiver geworden“, berichtet Fingerloos. Die telefonische Kontaktaufnahme wird rege in Anspruch genommen, kein Gespräch bleibt unter 20 bis 30 Minuten. „Face-to-Face“ war und ist immer möglich, allerdings mit Terminabsprachen und unter den geltenden Hygienevorschriften.

Isolation und Demenz

 

Aus der Fachstelle Demenz berichtet Elke Boß. Der direkte Kontakt zu an Demenz Erkrankten und ihren Angehörigen spielte im Wirkungsbereich von Elke Boß immer eine übergeordnete Rolle.

Ein fünfköpfiges Team sorgte bisher regelmäßig für die Alltagsbegleitung von Betroffenen und ihren Familien, bot Auszeiten und Freizeitangebot, daneben Fachvorträge. Jetzt muss auch hier vieles telefonisch geregelt werden. „Die Isolation trifft besonders die Angehörigen sehr hart“, betont sie. Auch hier bleiben häusliche Konflikte nicht aus. „Manchmal ist es alleine schon die große Hürde, einen Demenzkranken zur Maske zu bewegen, um überhaupt zum Einkauf, zum Arzt oder ähnlichem zu kommen.“

Lange ausschließlich auf Telefonkontakt begrenzen ließ sich die Arbeit von Elke Boß mit ihrem Team nicht. Seit gut eineinhalb Monaten finden unter gegebenen Hygienemaßnahmen Hausbesuche statt. Ab Juli öffnet auch wieder der für viele Angehörige so notwendige Gesprächskreis, freut sie sich, wenn auch noch unter begrenzter Zahl mit Anmeldung. „Menschen, die Angehörige pflegen, haben es in dieser Zeit sehr schwer!“

 

Wenn der Abschied fehlt

 

Trauer und Abschied, mit vielen verzweifelten Angehörigen hat Ursula Steiger in den vergangenen Monaten zu tun gehabt. Darunter auch Menschen, die Angehörige in Folge einer Corona-Infektion verloren haben. Sieben Pflegeeinrichtungen waren im Odenwaldkreis betroffen, womit die Todesfälle im Vergleich zur Einwohnerzahl an der hessischen Spitze standen.

Gleich welcher Krankheit die Sterbenden erlegen sind, keine Gelegenheit zum Abschied zu bekommen ist ein Schmerz, der den Angehörigen für immer bleibt. „Viele waren mehr als entsetzt, selbst zur letzten Stunde, im Corona-Fall nicht einmal danach, Gelegenheit zum Abschied zu bekommen“, berichtet sie. „Ich konnte nur ans Gesundheitsamt verweisen und die Menschen in Trauergesprächen begleiten.“, bedauert Steiger.

 

Fehlender Kontakt und Tagesstruktur

 

Auch seelisch kranke Menschen sind aufgrund der Kontaktsperre und anderen Maßnahmen vollkommen überfordert, stellt Steiger aus ihrer Arbeit fest. „Viele seelisch Kranke klammern Corona aus ihrer eigener Problemwelt vollkommen aus, haben große Probleme, überhaupt mit Veränderungen im Leben umzugehen.“

Zunehmende Probleme, die auch zu seelischen Konflikten führen, sieht sie bei Menschen die von Mini-Existenzen leben, befristet arbeiten oder ohnehin schon prekär bezahlt werden. „Wir stellen immer wieder fest, egal in welchem Bereich unserer Arbeit, die wirtschaftliche Not schlägt voll durch.“

Aus dem Bereich „Betreutes Wohnen“ berichtet Ulrike Werner-Paulus. Auch hier schlägt neben dem Problem der Isolation die wirtschaftliche Seite durch. Die Tafel, sonst Versorger an erster Stelle für Menschen mit einem geringen Einkommen, war seit dem Lockdown geschlossen. „Davor haben wir regelmäßig Einkaufstraining absolviert“, berichtet sie. Da viele Betroffene im Betreuten Wohnen auch Risiko-Gruppe sind, mussten die Einkäufe außer Haus weitgehend eingeschränkt werden. Zeitnah hat das DWO mit der „Nottafel“ des DRK kooperiert und vielen Familien mit Lebensmitteln oder Einkaufsgutscheinen geholfen.

Hierzu Leiterin Bärbel Simon: „Die ‚Aktion Mensch‘ hat unsere Arbeit mit einem „Corona-Projekt“ gefördert, so dass wir die Beratung ausweiten und Einzelfallhilfen leisten konnten.

 

Treffen im Freien bewähren sich nachhaltig

 

Massiv getroffen hat neben der Isolation die Menschen im Betreuten Wohnen die fehlende Tagesstruktur. Die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen waren weitgehend geschlossen, auch die Tagestreffs. „Rein telefonische Betreuung wurde dem besonderen Anspruch nicht lange gerecht“, so Werner-Paulus. Oft ein „ziemliches Spagat“ war und ist der Einsatz vor Ort unter Einhaltung aller Hygiene-Regeln. Schließlich wurden auch besonders zurückgezogene Menschen zu Treffen im Freien motiviert. Das ermöglichte Begegnungen und Gespräche mit genügend Abstand und bewährte sich nachhaltig. „Das wollen wir auch künftig beibehalten“, betont Werner-Paulus, „diese Treffen bieten neben dem Austausch auch frische Luft, einen Tapetenwechsel, die Erlebniswelt im Freien. Da haben wir aus der Corona-Krise auch ein gutes, künftiges Einsatzmittel mitnehmen können.“

 

Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung

 

Wirtschaftliche Einbrüche und Isolation, wegbrechende Strukturen wie Sprachkurse, auch die Arbeit der Fachstelle für Migration und interkulturelle Beratung stand und steht vor großen Herausforderungen in der Krise, berichtet Sandra Scheifinger.

Die Beratungen finden umfassend, meistens telefonisch oder vereinzelt nach Terminvereinbarungen, statt. Persönliche Termine gestalteten sich aber angesichts der geltenden Hygieneanforderungen oft schwierig, da wegen der geschlossenen Schulen und Kitas auch meist die Kinder dabei sind.

Die Auswirkungen der Corona-Krise gehen für viele Migranten weit über deutschen Grenzen hinaus, Verzweiflung, Angst und Trauer machen sich angesichts ausstehender Familienzusammenführungen breit. Nicht nur, dass für viele Menschen die erst kurz erworbene Existenz in Deutschland wegbricht, das Versorgen und die Trennung von Angehörigen im Ausland bereiten große Probleme.

Das Wegfallen von Sprachkursen und mangelnden deutschsprachigen Kontakten spiegelt sich in deutlichen Rückschritten im Spracherwerb wieder.

Geschlossene Behörden sind für viele eine große Hürde. Die Verlängerungen von Aufenthaltsgestattungen und Duldungen, die meist nur persönlich möglich sind, brechen weg beziehungsweise erfordern telefonische und schriftliche Umwege, die für Menschen mit wenig Deutschkenntnissen alleine nicht zu meistern sind.

 

Schwer für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber

 

Große wirtschaftliche Probleme und Isolation treffen auch Menschen mit Einschränkungen hart, berichtet Barbara Lang vom Integrationsfachdienst (IFD). Besonders Arbeitnehmer in einer Risikogruppe sind vom Arbeitsplatzverlust oder von Kurzarbeit betroffen.

Auch für die Arbeitgeber ist es schwer, den Risikogruppen am Arbeitsplatz gerecht zu werden. So suchen auch Arbeitgeber die Beratung. Kurzarbeit fordert eine Flut von Anträgen, ob für den Arbeitgeber oder den Arbeitnehmer, der aufgrund der Kurzarbeit oder Verlust des Arbeitsplatzes auf mehr Zuschüsse aus SGB II oder SGB III angewiesen ist.

Besonders schwierig war es im März, als auch alle Betriebe für den IFD direkt nicht mehr erreichbar waren: „Wir hatten Termine und standen vor den verschlossenen Türen.“

Dennoch ein positives Fazit

 

„Wir haben alle unsere Angebote, wenn auch in veränderter Form, über die gesamte Corona-Krise aufrechterhalten können“, freut sich Leiterin Bärbel Simon.

Keine leichte Aufgabe! Die Mitarbeitenden haben neben den täglichen Anforderungen unter neuen Vorzeichen auch Weiterbildung absolviert, um zu neu entstandenen Corona-Hilfen beraten zu können.

Bereits im Haus gut aufgestellt, konnten Online-Seminare wie digitale Teamsitzungen und ähnliches schnell in den Arbeitsalltag integriert werden.

Teamsitzung mit viel Abstand auf dem Rasen
Aktuell wird geprüft, welche Gruppenangebote und welchen Bedingungen wieder starten können. „Es hat sich trotz allem auch sehr viel Positives aus der Situation heraus ergeben, wie eben beispielsweise die Treffen im Freien oder Konferenzen und Weiterbildungen ohne Fahrzeiten“, so die Leiterin.

Jetzt fanden auch die ersten Präsenz-Teamsitzungen des DWO statt – manche in ungewohnter Umgebung, denn nur ein Sportplatz konnte den Abstandsregelungen gerecht werden.

Wie schnell „Normalität“ wieder greifen kann, ist noch ungewiss.

Gewiss ist allerdings: Unter welchen Voraussetzungen auch immer, das DWO wird für die Menschen im Kreis da sein, die dringend der Hilfe bedürfen.

 

Gabriele Lermann (Das Interview wurde am 24.6.2020 per Video-Konferenz geführt)