Diakonie – der soziale Dienst der evangelischen Kirchen

Alles was rollt mit dem BCO im Einsatz für mehr Barrierefreiheit

Alles was rollt mit dem BCO im Einsatz für mehr Barrierefreiheit

BCO_Höchst

 

Menschen im Rollstuhl, mit Rollator und Kinderwagen profitieren gleichermaßen von Barrierefreiheit.

 

 

 

Unter dem Motto  „Ausgbremst !?“organisierte der Behindertenclub Odenwald e.V. am vergangenen Samstag eine Aktion zum Thema Barrierefreiheit in Höchst im Odenwald

Höchst: 25.5.2019: Horst Bitsch steht am Eingang des Rathauses und betrachtet die Szenerie vor sich. Aus seiner Position lässt sich der Rathausvorplatz bis zur Straßenkreuzung, an der Aschaffenburger-, Groß-Umstädter- und Wilhelminenstraße zusammentreffen, überblicken. Ja, das Rathaus der Stadt Höchst ist barrierefrei ausgebaut. Und auch bei den direkten Zuwegen hat man an Menschen mit eingeschränkter Mobilität gedacht. Doch es gibt rund um das Höchster Verwaltungsgebäude noch einiges zu verbessern, das sieht auch Bürgermeister Horst Bitsch. „Es gibt derzeit Planungen, die Kreuzung zu einem Kreisverkehrsplatz umzubauen. Diese Baumaßnahme wollen wir nutzen, um den Kreuzungsbereich und den Platz vor dem Rathaus behindertengerecht umzugestalten“, erklärt Bitsch.

Wertvolle Impulse dafür gab es nun vom Behindertenclub Odenwald (BCO). Seit drei Jahren lädt der BCO in verschiedenen Odenwälder Kommunen Bürgermeister, Vertreter der politischen Gremien und interessierte Bürger ein, ihren Ort aus der Sicht eines Rollstuhlfahrers zu erleben. Die eigenen, meist ersten Erfahrungen im Rollstuhl öffnen den Blick und das Bewusstsein. So war es nun auch in Höchst.

Dort nahmen etwa zwei Dutzend Menschen an der Aktion „Ausgebremst!? – Historische Ortschaften im Blick“ teil. Ein Mann der ersten Stunde ist Reinhold Hoffmann. Der Pfarrer aus Rothenberg nimmt seit Beginn der Aktion an den Touren durch die Städte und Gemeinden teil und hat schon so manche Erfahrung im Rollstuhl gesammelt. „Meine erste Fahrt war sehr unsicher und schwierig“, erzählt Hoffmann. Mittlerweile habe er etwas Übung im Umgang mit dem Rollstuhl. „Die erste Tour dieser Art führte uns durch Michelstadt. Ob die Stadt an jeder Stelle, die als Hindernis identifiziert wurde, inzwischen Abhilfe geschaffen hat, kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, dass ein Blumenkübel, der Rollstuhlfahrern und Menschen mit Rollator im Wege ist, noch immer dort steht“, berichtet der Pfarrer.

Die Strecke, die die Teilnehmer unter Leitung von Markus Zwicknagel und Dieter Scheuermann zurücklegten, war nicht allzu lang, aber voller kleiner und größerer Tücken. Entlang der großen Schaufenster der Geschäfte in der Stadtmitte fällt beispielsweise der Bürgersteig zur Straße hin ab. Was einem Menschen ohne Gehbehinderung nicht auffällt, wird für den Rollstuhlfahrer zur großen körperlichen Anstrengung. Somit ist das Fahren dort nicht ungefährlich. „Man muss auf diesem Abschnitt ständig mit dem linken Arm gegenlenken, um nicht in die parkenden Autos oder auf die Straße zu rollen“, sagt Markus Zwicknagel.

Ist die Fahrt auf der schwierigen Bürgersteig-Etappe überstanden, warten bereits die nächsten Barrieren: die Türen an einigen Geschäften sind zu schmal für Rollstühle oder sie sind nur über eine Treppenstufe zu erreichen. „Zum Glück muss ich hier nicht einkaufen – ich habe nur orthopädische Schuhe“, scherzt ein Rollstuhlfahrer vor einem kaum für ihn zu erreichenden Schuhgeschäft. Dennoch: eine Klingel in Rollstuhlgerechter Höhe angebracht würde den Alltag oft schon erleichtern.

Mit dem BCO und dem Diakonischen Werk Odenwald durch HöchstWofür auch aufmerksamen Stadtplanern oft der Blick fehlt, ist das Zusammenwirken von Blitzern und Zebrastreifen. „Autofahrer achten meist nur darauf, dass sie nicht in eine Radarfalle kommen. Ob jemand über den Zebrastreifen will, entgeht ihrer Aufmerksamkeit“, erläutert Markus Zwicknagel.

„Inklusion bedeutet, nicht über jemanden reden, sondern mit ihm“, eröffnet Pfarrer Hoffmann die anschließende Diskussionsrunde, in der die Erlebnisse aus der Tour durch Höchst noch einmal erörtert werden. Die Anmerkung von Seiten der Politik, man müsse bei jeder Baumaßnahme auch die Kosten im Blick haben, kommentierte er damit, dass das Geld nicht allein für Menschen mit Behinderung ausgegeben werde, sondern für eine vielfältige Gesellschaft, an der alle teilhaben können. Dieses Ziel verfolgt auch die „Aktion Mensch“, die das Projekt des Behindertenclubs unterstützte, wie Bärbel Simon vom Diakonischen Werk Odenwald erklärt.

 

 

Info: Die Veranstaltung unter dem Titel „Ausgebremst!?“ ist Teil der Aktionstage der Aktion Mensch, die sich für eine inklusive Gesellschaft stark machen und rund um den 5. Mai eines jeden Jahres stattfinden.

Logo der Aktion Mensch

Im Odenwaldkreis werden die Veranstaltungen vom Behindertenclub Odenwald e.V. (BCO) in Kooperation mit dem Diakonischen Werk Odenwald durchgeführt. Der BCO ist eine Selbsthilfegruppe, die u.a. Betroffenen helfen will, mit einer Behinderung besser fertig zu werden und das Lebensumfeld für Menschen mit Behinderung zu verbessern. Kontakt: Elfi Kissinger, erste Vorsitzende, Tel.: 06163-2113, rolli-event@behindertenclub-odenwald.de oder http://www. Behindertenclub-odenwald.de

 

Diskussionsrunde BCO in HöchstAm Runden Tisch diskutierten: Elfi Kissinger vom BCO, Pfarrer Reinhold Hoffmann, Markus Zwicknagel, Bürgermeister Horst Bitsch und (nicht im Bild) Dieter Scheuermann vom Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband und Bärbel Simon, Leiterin des Diakonischen Werks Odenwal