Diakonie – der soziale Dienst der evangelischen Kirchen

Depression und Burnout im Fokus des Odenwälder Trialogs

Depression und Burnout im Fokus des Odenwälder Trialogs

Die Moderatorinnen von Diakonie und Gesundheitsamt ermöglichten einen Austausch, der auf großes Interesse stieß.

Michelstadt, 25.11.13: Die aktuelle Volkskrankheit Depression, insbesondere in Form des sogenannten Burnout, wird von vielen nach wie vor aus Scham verleugnet und verschwiegen. Wegen fehlender kassenfinanzierter Therapieangebote unzulänglich vom Hilfesystem versorgt, wäre doch bei rechtzeitiger Behandlung und mit den richtigen Strategien gut zu bewältigen.

So fassen die Veranstalter die Ergebnisse des Odenwälder Trialolgs 2013 in einem Satz zusammen. Der Odenwälder Trialog 2013 fand im Oktober und November an drei Donnerstagen in den Räumen des Landratsamts in Erbach statt. Es trafen sich im Schnitt rund 100 Personen, für die psychische Erkrankungen ein wichtiges Thema sind. Dies waren sowohl Betroffene, wie auch Angehörige von Menschen mit psychischer Erkrankung, sowie  Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Berufsgruppen aus dem psychiatrischen Hilfesystem. Eingeladen hatten Helga Fehrmann vom sozialpsychiatrischen Dienst des Odenwaldkreises und Ulla Steiger von der Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle des  Diakonischen Werkes Odenwald.

Am ersten Abend war der Saal mit etwa 120 Personen mehr als gut gefüllt, als es um das Thema „Burnout oder doch Depressionen?“ ging. Hannibal Heid, Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie von der Tagesklinik in Erbach berichtete über Diagnosen, unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten einschließlich der Wirkungsweise von unterschiedlichen Medikamenten und Ursachen von Depressionen. Es entstand ein lebhafter Austausch. Die Anwesenden erfuhren, dass „Burnout“  als solches in der medizinischen Diagnose als Fachbegriff nicht vorkommt, sondern eine Form der Depression darstellt, die durch unterschiedliche Überlastungen entsteht. In Diagnostik und Behandlung unterscheidet sie sich nicht wesentlich von anderen Formen der Depression. Allerdings ist es in unserer Gesellschaft eher anerkannt, an Burnout zu leiden, während man sich für Depressionen eher schämt. Insbesondere der Sprachlosigkeit, die sich aus dem schambesetzten Umgang mit Depressionen ergibt, sollte durch den Trialog entgegengewirkt werden. Deshalb war der Kerngedanke der Trialog-Abende, dass sich die Besucher mit ihren Erfahrungen austauschen und begegnen konnten, was auch rege genutzt wurde. Die Überwindung der Sprachlosigkeit und der Besuch von Selbsthilfegruppen sind laut Heid ein wesentlicher Schritt, um mit der Erkrankung besser zurechtzukommen.

Viel Zustimmung erfuhr eine Teilnehmerin, als sie forderte, es müssten  wesentlich mehr Psychotherapeuten kassenärztlich zugelassen werden, da die Wartezeiten auf die dringend nötigen Therapien oft zwischen neun und zwölf Monaten liegen. „Wenn sich jemand ein Bein bricht, wird er gleich behandelt. Wenn ich eine schwere Depression habe, muss ich mich ein dreiviertel Jahr krankschreiben lassen und bin am Ende meinen Job los“, pflichtete eine andere Besucherin bei. Tatsächlich, so war von Heid zu erfahren, gibt es im Odenwald eine offizielle festgestellte Überversorgung von 160% bei den zugelassenen Psychotherapeuten. Hier bleibt den Betroffenen nur die Möglichkeit, die Wartezeit mit Selbsthilfegruppen oder angeleiteten Gruppenangeboten zu überbrücken. Besonders bitter empfanden dies die Betroffenen, da laut Statistik rund achtzig Prozent der an Depression Erkrankten an Selbstmord denken und jeder fünfte zumindest versucht, sich umzubringen.

Am zweiten Abend des Odenwälder Trialogs standen der Erfahrungsaustausch und mögliche Strategien im Umgang mit Depression und Burnout im Mittelpunkt. Zu Beginn erarbeitete Ulla Steiger, wie unterschiedlich Menschen mit Stress umgehen. Hier kam die Theorie des amerikanischen Psychologen Charles S. Carver zum Tragen. Er hat herausgefunden, dass Menschen ganz unterschiedliche Strategien anwenden. Außerdem stellte er in seinen Studien fest, dass einige Strategien deutlich besser bei der Stressbewältigung halfen als andere. Sogenannte funktionale Strategien wie zum Beispiel die Ursachen aktiv zu beseitigen, positiv zu denken, sich Unterstützung zu holen etc. helfen, dass sich die gestressten Menschen schneller erholen und weniger oft unter Burnout leiden. Wer zu dysfunktionalen Strategien neigt, dazu gehören beispielsweise Selbstvorwürfe, Verleugnen, Alkoholkonsum, kann Belastungen weniger gut bewältigen. Besonders wem es gelingt, andere Menschen als Unterstützer zu finden, werden die negativen Auswirkungen von Stress gemildert. Ob diese soziale Unterstützung in emotionaler Zuwendung erfolgt oder ganz praktisch geleistet wird, zum Beispiel durch Begleitung zu Ärzten, finanziellen Hilfen oder ähnliches, ist dabei zweitrangig.

Im anschließenden gemeinsamen Gespräch ging es um die Frage, „Was wünsche von meinem Erkrankten Angehörigen und wie kann ich ihm das sagen? Umgekehrt stellte sich die Frage „Was brauche ich von anderen, wenn ich selber depressiv bin, was von meinem persönlichen oder auch von meinem beruflichen Umfeld?“. Einigen Teilnehmenden wurde im Laufe des Abends deutlich, dass Ihre Erwartungen, zum Beispiel an den Partner hoch und unerfüllbar, vor allem aber unausgesprochen waren.

Der Austausch ging weiter am dritten Abend mit Frau Dr. med. Antje Siebel vom Gesundheitsamt des Odenwaldkreises. Das Thema Burnout und Depressionen aus der Sicht der Fachärztin für Betriebsmedizin wurde bearbeitet. Die Zahlen, die sie in Ihrer Präsentation nannte, machen deutlich,  wie wichtig und präsent das Thema auch in der Wirtschaft ist. So sind psychische Belastungen nach einer aktuellen Studie der dritthäufigste Grund für Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Dabei lassen sich viele Betroffene nicht ein einmal krankschreiben, sondern kommen aus Angst vor Nachteilen im Job krank zur Arbeit.

Im Austausch wurde deutlich, dass pauschale Ratschläge im Erkrankungsfall nicht helfen. Bei der Fragestellung, ob man eine Überlastungsdepression öffentlich machen und mit dem Arbeitgeber sprechen sollte, kamen viele Beispiele. Einige Anwesende berichteten, dass sie nach dem Outing erst recht unter Kollegen und Vorgesetzten leiden mussten, bis hin zum Mobbing. Andere hatten positive Erfahrungen gemacht und festgestellt, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine waren und es durchaus gute Unterstützung am Arbeitsplatz gab.

Die wichtigste Erkenntnis auch an diesem letzten Abend lt. Helga Fehrmann: „Es hilft, sich auszutauschen, Selbsthilfegruppen zu besuchen oder sich  professionellen Rat zu holen. Im Austausch gelingt es leichter, die richtigen Strategien im Umgang mit Burnout und Depressionen zu finden.“

Insgesamt wurde der Trialoggedanke: miteinander, auf Augenhöhe und wertschätzend, Verständnis für alle Beteiligten zu schaffen, erfüllt. So waren die beiden Initiatorinnen Helga Fehrmann und Ulla Steiger sehr angenehm überrascht.

 

Stichwort Trialog:

Die Tradition des Trialog geht zurück auf Dorothea Buck (geb. 1917). Sie war an Schizophrenie erkrankt und hatte leidvolle Erfahrungen in der Psychiatrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht. Besonders die Erfahrungen der Sprachlosigkeit hat ihr Wirken geprägt. 1989 gründete sie zusammen mit dem Psychologen Thomas Bock, das erste „Psychoseseminar“, das den Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Professionellen zum Ziel hat.

Kontakt und Information:

Ulla Steiger, Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle, Diakonisches Werk Odenwald (Tel 06061/9650-118)  und Helga Fehrmann, Sozialpsychiatrischer Dienst, Gesundheitsamt Odenwaldkreis (Tel 06062/70-290)