Betreutes Wohnen für Menschen mit Migrationshintergrund

 

Herr Ö. leidet seit mehreren Jahren an einer Depression. Er hat deswegen seine Arbeit verloren. Seine Familie hat ihn lange Jahre emotional aufgefangen. Jetzt hat die Tochter geheiratet und ist weggezogen. Frau Ö. spricht wenig deutsch und kann ihren Mann kaum unterstützen. Sie fühlt sich selber verunsichert und kraftlos. Seit dem Tod ihrer Schwester vor einem Jahr hat sie keine Kontakte mehr zur Außenwelt. Der geplante Rückzug in die Türkei nach der Rente klappt u.a. aus finanziellen Gründen nicht. Die Familie lebt sehr isoliert und die Depression wird immer bedrohlicher.

 

Sandra Scheifinger, Mitarbeiterin des Betreuten Wohnens und des Migrationsfachdienstes im Diakonischen Werk Odenwald, kennt solche schwierigen Lebenssituationen: „Menschen mit Migrationshintergrund haben durch den kulturellen Wandel und die familiären und strukturellen Umbrüche oft ein erhöhtes Risiko für  Destabilisierung und seelische Krisen. Im Fall einer psychischen Erkrankung haben sie möglicherweise einen besonderen Unterstützungsbedarf.“

Scheifinger, die selber mehrere Jahre im Ausland gelebt hat, weiß, dass die Fremdheit der hiesigen Wertesysteme und Sozialformen  oft den Zugang zu bestehenden externen Hilfesystemen erschwert. „Der klassische professionelle Ansatz sozialer Arbeit stößt an Grenzen. Gleichzeitig sind die bestehenden Familiensysteme häufig überlastet und können die psychische Erkrankung eines Familienmitglieds nicht mehr tragen. Bei geringen sprachlichen Kenntnissen und geringer Integration stellt der Umgang mit deutschen Behörden und Verwaltungsvorgängen in vielen Fällen ein unlösbares Problem dar. Auch ausgeprägte Schamgefühle und ein anderer kulturbedingter Umgang mit psychischer Erkrankung spielen eine Rolle“, berichtet die Fachfrau.

Auch Maria Pinkert-Volz, die als Bezugsbetreuerin schon viele Jahre Menschen mit Migrationshintergrund begleitet, hat die Erfahrung gemacht, dass es einer kultursensiblen Herangehensweise bedarf, um die Betroffenen in ihrer Lebenswelt adäquat  unterstützen zu können.

 

Ein Angebot des Diakonischen Werkes Odenwald will insbesondere Migrantinnen und Migranten, die in derartigen Lebenssituationen stehen, Hilfe anbieten: Betreutes Wohnen für Menschen mit einer seelischen Behinderung will Betroffene dabei unterstützen, selbstbestimmt ihr Leben in der eigenen Wohnung oder in einer Betreuten Wohngemeinschaft zu gestalten. Dies wird durch eine individuelle und zielgerichtete Betreuung und professionelle ambulante Begleitung in den verschiedenen Lebensbereichen möglich.

Die Besonderheit dieses Angebots  besteht im Einsatz interkulturell kompetenter Fachkräfte und einer kultursensiblen Herangehensweise, die die komplexen Lebenslagen von psychisch erkrankten MigrantInnen besonders berücksichtigt.

Die Förderung des Angebotes wurde bei Aktion Mensch beantragt.

 

Für Familie Ö. hat sich einiges verändert, seit sie sich getraut haben, Kontakt zum Diakonischen Werk aufzunehmen. Eine Fachkraft kommt jetzt regelmäßig zu Besuch und das entstandene Vertrauen hilft, dass Herr Ö. über sich und seine Sorgen sprechen kann. Gemeinsam mit der Fachkraft nimmt er die Termine beim Facharzt nun kontinuierlich wahr und durch die regelmäßige Einnahme der Medikamente hat sich seine psychische Befindlichkeit bereits verbessert und stabilisiert. Da nicht mehr alle Verantwortung für die Situation auf ihr lastet, geht es auch Frau Ö. besser und die Atmosphäre zwischen den Eheleuten hat sich deutlich entspannt. Beide wollen wieder Kontakt zu einem Cousin aufnehmen. Die Betreuungsperson hilft ihnen, die Adresse herauszufinden und die Bahnfahrt zu organisieren.

Autorin: Sandra Scheifinger, Bild: Lisa Ganß

Kontakt:

Das Diakonische Werk Odenwald ist Träger psychosozialer Beratungs- und Betreuungsangebote und der soziale Dienst der evangelischen Kirche für den Odenwaldkreis. Die Angebote sind offen für alle Ratsuchenden, unabhängig von Religion oder sozialem Status. 

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Betreutes Wohnen für psychisch erkrankte Menschen mit Migrationshintergrund

Diakonisches Werk Odenwald

Frau Sandra Scheifinger

Bahnhofstr. 38

64720 Michelstadt

Tel: 06061/ 9650-112

Email: sandra.scheifinger@dw-odw.de